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Bensheim und das Wohnquartier Marokko

93 Jahre Diskriminierung und Ausgrenzung der Bewohner zwischen Elbe-, Mosel- und Rheinstraße

Noch bis zum 18.März ist die Ausstellung über die Bensheim Wohnquartiere „Port Arthur“ und „Marokko“ im Rathaus zu sehen. Zum Thema hielt Stadtarchivar Manfred Berg am 31. Januar einen ergänzenden Vortrag. Nicht nachvollziehbar ist, dass Herr Berg sofort am Schluss seines Vortrages die Veranstaltung beendete. Diskussionsbeiträge oder Fragen waren leider nicht möglich. Vielleicht waren sie auch nicht gewollt. Deshalb möchte ich an dieser Stelle einige Punkte ergänzen, die ich gerne noch auf der Veranstaltung zur Diskussion gestellt hätte.

Die Probleme des Wohnviertels „Marokko“ waren noch nie die Menschen die dort wohnten, nicht heutzutage und nicht zur Zeit seiner Entstehung. Die Gesamtproblematik ist die Ausgrenzung und die diskriminierende Darstellung des Viertels und seiner Bewohner von Leuten, die diese Menschen nicht kennen und nichts über sie wissen.

Auf einer Texttafel der Ausstellung im Rathaus befindet sich ein Bericht des Bergsträßer Anzeigenblattes vom 21.November 1952 mit diskriminierenden Formulierungen. In dem Artikel ist von einer „Zusammenballung asozialer Menschen von Marokko die Rede“ die eine „Macht bilden könnten umliegend wohnende Nachbarn ernstlich zu belästigen“ (siehe Foto der Texttafel).

Leider hat sich diesbezüglich nichts verändert. Über Jahrzehnte wird im BA, von wenigen Ausnahmen abgesehen, in diskriminierender Weise berichtet. In denen letzten zwei Jahren wieder mehr. Hier nur einige Beispiele. Überschrift im Bergsträßer Anzeiger vom 31.Oktober 2016: „In Marokko ging man noch aufs Plumpsklo“  Zur gleichen Zeut, gab es in Bensheim in fast allen Stadtteilen noch Plumpsklos, zum Beispiel auch in der Hasen- und Liesengasse. Darüber würde der BA in dieser Art nicht berichten. Liest man den ganzen Artikel wird klar, dass die „Marokkaner“ in ein negatives Licht gerückt werden sollen. Das soll auch folgende Formulierung im gleichen Artikel belegen „Die Wormser Straße diente seinerzeit als fast schon unüberwindbare „Grenze“ zum bürgerlichen Viertel Port Arthur“.  Gemeint ist, dass sich die bürgerliche Oberschicht in „Port Arthur“ vor der asozialen minderwertige Unterschicht Marokkos schützen musste.

 Bergsträßer Anzeiger vom 28. April 2017:  „Anders als das Stadtviertel Port Arthur“ hatte das ebenfalls westlich der Bahnlinie gelegene „Marokko“ keinen guten Klang in der Bensheimer Bevölkerung. Der Schmuddel-Charakter des ehemaligen „Barackenviertels“ an der Moselstraße wirkte sich auf das gesamte Quartier in der Bensheimer Weststadt aus.“  Was unter Schmuddel-Charakter zu verstehen ist wurde im Artikel nicht beschrieben. Wie auch, die letzte Baracke des Viertels wurde vor fünfzig Jahren abgerissen.

Und noch ein Zitat aus dem BA vom 25. Mai 2017  „Das in der Weststadt gelegene „Marokko“ hatte keinen guten Klang und wurde erst viel später sozialromantisch verklärt“. Der Begriff „sozialromantisch verklärt“ ist negativ belegt und gilt als abwertend.

Typische Holzbaracke im Wohnquartier „Marokko“in Bensheim, Quelle: Diether Blüm „Aus der Geschichte der Stadt Bensheim von 1918 bis 1932“

Aber es gab auch Diskriminierungen, die nie öffentlich vorgetragen wurden und die es wahrscheinlich auch heute noch gibt. In dem Zusammenhang möchte ich sagen, dass ich in Marokko zwanzig Jahre gelebt habe. Weitere 26 Jahre besuchte ich dort  regelmäßig meine Eltern, bzw. nach dem Tod meiner Mutter, meinen Vater. An meine Kindheit und Jugend, kann ich mich heute noch sehr gut erinnern. Für mich war es eine überwiegend schöne und positive Zeit. Wir hatten Freiheiten, über die viele Kinder und Jugendliche von heute nur träumen können Als Schüler und Auszubildender spürte ich schon die Ausgrenzungen und Stigmatisierungen, die wir Marokkaner aushalten mussten. In der Schule sahen es viele Eltern von Klassenkameraden und Klassenkameradinnen nicht gerne, wenn sie neben einem Marokkaner sitzen mussten. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie wir als Grundschüler zwischen Rodenstein – Schule und Joseph – Hecklerschule hin und her geschoben wurden. Wer nach der vierten Klasse für eine weitergehende Schule nicht geeignet war, stand in der Regel schon bei der Einschulung fest.

Es ist schwierig die beiden Wohnviertel in einer gemeinsamen Ausstellung gegenüber zu stellen. Die Entstehungsjahre liegen zwanzig Jahre auseinander und die Umstände unter denen die Wohnviertel entstanden sind, sind nicht vergleichbar. In einem Buch des ehemaligen Stadtarchivars Diether Blüm wird das sehr gut beschrieben. Der Titel des Buches ist „Aus der Geschichte der Stadt Bensheim 1918 bis 1932“. Hier einige Informationen die ich aus dem Buch entnommen habe.

Port Arthus ist um 1905 entstanden. In einer wirtschaftlich guten Zeit. Ganz anders war die wirtschaftliche Situation als das Wohnquartier Marokko entstand. Nach dem ersten Weltkrieg also, ohne den es Marokko vielleicht nie gegeben hätte. Denn in der Nachkriegszeit gab es kaum Erwerbsarbeit. Die Folge war eine sehr große Arbeitslosigkeit. Wohnen, Essen und Heizen war für viele Menschen unbezahlbar. Nicht vergessen werden darf die Inflation, die 1923 einen Höhepunkt erreichte und die Lage der Menschen zusätzlich erschwerte. Es gab in Bensheim eine unvorstellbare Wohnungsnot. Ihre Bewältigung war über Jahre Schwerpunkt der städtischen Verwaltungsarbeit.  Den Umständen entsprechend war der Bau neuer Wohnungen viel zu gering. Im Jahre 1925 konnte die Stadt 44 Wohnungen als Neubau erstellen, 1926 waren es nur noch 35 Wohnungen. 1927 konnte die Stadt keinen neue Wohnungen bauen. In diesen Jahren entstand auch das Wohnquartier Marokko, mit Häusern und Wohnbaracken, die der Stadt Bensheim gehörten. Solches Viertel mit solchen Bracken sollten auch auf dem Griesel – am oberen Ende der Sandstraße -errichtet werden. Dies wurde aber durch den Protest der dortigen Bewohner verhindert.  Wohnungslose Familien mussten der Not gehorchen und in die Baracken in Marokko einziehen.

Seit es das Viertel gibt, ist die öffentliche Darstellung und Wahrnehmung geprägt, durch Vorurteile, Überheblichkeit und Ausgrenzung. Noch heute wird versucht die Menschen des Viertels in ein schlechtes Licht zu rücken.

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